Vom Hochtöner zum Balladenfan gereift

Samstag, 27. Februar 2010

Vom Hochtöner zum Balladenfan gereift

27.02.2010 - Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

So ist der Berufswunsch für den Zwölft-Klässler scheinbar vorgezeichnet. „Ich möchte Musiklehrer werden“, sagt er. „Das glauben sie jetzt aber nicht im Ernst, oder?“ Nein, das glaubt man ihm wirklich nicht. Denn seit Jahren ist Christian Mehler in der Umgebung unüberhörbar das Nummer- Eins-Talent der Jazztrompete. Er war vielleicht gerade mal 14, schon da wurde der Junge in Big-Bands engagiert, wenn der Mann für die hohen, die Spitzentöne fehlte.

Das Rampenlicht gewohnt

Mit 14 wird er auch Mitglied im Landesjugendjazzorchester Baden-Württemberg. „Ich hatte Glück, weil gerade Trompeter-Mangel geherrscht hat“, spielt er die Angelegenheit etwas herunter. Seinen Stammplatz im „Lajazzo“ sichert er sich damals sogleich bei der Sichtungsprobe. Er meldet sich sofort für ein Solo, nachdem er gehört hat, was der Trompeterkollege so bringt. „Man muss halt attackieren“, erzählt Mehler. Und grinst.

Keine Frage. Er weiß schon damals, was er wert ist. Von Arroganz allerdings fehlt jede Spur. Christian Mehler gilt als Kumpeltyp und ist eigentlich so, wie man sich einen guten Jazz-Trompeter vorstellt: Das Improvisieren im Rampenlicht gewohnt, wenn alle Blicke auf einen gerichtet sind, kennt er auch im Interview keine Schüchternheit und treibt seine Späßchen. Auf der anderen Seite helfen ihm seine Fähigkeiten nicht nur die eigenen Stärken, sondern auch die musikalisch weniger starken Seiten genau zu sehen. „Was ich beeindruckend am Christian finde, ist, dass er nicht abgehoben ist. Er kennt seine Möglichkeiten und Fähigkeiten“, sagt Johannes Stephan, selbst Trompeter, Lehrer am AEG und Leiter der mit Preisen ausgezeichneten Schul-Big-Band, in der Mehler seit vielen Jahren spielt. Seit ein paar Jahren unterrichtet Johannes Stephan Christian Mehler auch in klassischer Trompete.

„Ich glaub nicht an Wunderkinder“, erzählt Mehler zum Thema, wie er wurde, was er heute als Trompeter ist. „Ich war ganz unmusikalisch“, sagt er. Und meint das wirklich ernst, gestützt auf die Erinnerung an seinen ersten Jazz-Kontakt. Als er erstmals – noch Grundschüler – in ein Konzert der AEG-Big-Band geht, flieht er in der Pause. „Ich fand’s nicht gut.“ Genau genommen war es wohl so, dass er damit überhaupt rein gar nichts anzufangen wusste. „Jazz war römische Marschmusik für mich.“

Seinen ersten Trompetenkontakt hat er, als sein Vater Gerhard, einst Trompeter der Böblinger Stadtkapelle, doch nochmals sein Instrument flott macht. Der zehnjährige Christian greift sich das Stück und bläst rein. Irgendwie kommt was raus, die nächsten Tage zeigt ihm sein Vater die ersten Griffe. Mehr oder weniger autodidaktisch betreibt er das Trompetenspiel so weiter, tritt nach einem Vierteljahr in der AEG-Mini-Band bei. „Ob ich überdurchschnittlich war, hab ich gar nicht gemerkt. Ich hab halt viel geübt.“

Längst improvisiert er zu Hause zur CD der AEG-Big-Band, als er bei seinem ersten richtigen Trompetenlehrer, einem Klassiker, anfängt, der ihm allerdings nicht viel gibt. Auf der Suche nach einem anderen gibt ihm Posaunist Dennis Schöps – zu der Zeit einer der herausragenden Instrumentalisten der AEG-Big-Band – den Tipp, beim Marbacher Jazztrompeter Joseph Herzog anzuheuern. Noch keine zwölf, lernt er hier die tieferen Geheimnisse der Jazzimprovisation kennen und vor allem seine Atmung zu verbessern.

Nach zweieinhalb Jahren bei Herzog schafft er den Sprung ins Lajazzo. Während er bis dahin alle seiner Generation in Sachen Höhe weggepustet hat, sieht er sich nun erstmals ernstzunehmender Konkurrenz gegenüber. Die Position der Leadtrompete, im Big-Band-Satz für die Spitzentöne zuständig, hat ein anderer inne.

Heute ist Mehler Schüler des Kölners Ralf Hesse und bei Eberhard Budziat an der Stuttgarter Musikschule. In der Tobias-Becker-Big-Band spielt er Solo-Trompete, mischt neben den Arbeitsphasen im Lajazzo auch regelmäßig bei der Göppinger Lumberjack-Big-Band mit, stand am Jahresende bei der Sindelfinger Weihnachtssession als Solist der Martin-Johnson-Band auf der Bühne und jüngst bei der Jazz-Time in der Kongresshalle als Gastmusiker.

„Ich will ein gutes Abi“

Vergangenes Jahr gewann er den europäischen Yamaha-Trumpet-Contest in Hamburg, was ihn auch ins Nachdenken gebracht hat. „Ich studiere Chemie“, hatte er schon vor Jahren seinen Kumpels garantiert. Den Lebensunterhalt mit Jazz zu verdienen, schien ihm schlicht zu unsicher. „Ich studiere Jazztrompete, will aber ein gutes Abi“, sagt der Einser-Schüler jetzt. Falls es nach dem Studium mit Jazz nicht klappt, will er ein Ingenieursstudium einfach hintendran hängen.

Geändert hat sich auch seine Einstellung zur Trompete. Statt des Mottos „Höher hinaus über alle anderen“ weiß er, dass er noch viel „ausgecheckter“ werden kann. So wie sein Lehrer Hesse, an dem er bewundert, wie raffiniert der durch die Akkordverbindungen improvisiert. Kaum verwunderlich deshalb, dass Mehler sich derzeit intensiv mit Bop beschäftigt und beim Gedanken an Funksessions mit halbstündigem Rumgeorgel über einem Akkord einen ziemlichen Hals kriegt. Es ist auch nicht Hochtönerlegende Ferguson, den er als derzeitiges Leitbild angibt, sondern Bopper wie Fats Navarro oder Clifford Brown. Am liebsten spielt er aber eigentlich Balladen. Und sein bevorzugtes Instrument lautet – ganz hochtöneruntypisch – das tiefere, klanglich dunklere Flügelhorn.

Das Talent und sein Horn: Der 18-jährige Gärtringer Trompeter Christian Mehler ist bereits ein gefragter Jazzmusiker.

Bild: Stampe