Kopfstände für ein neues Musikkonzept

Freitag, 28. Dezember 2007

Von unserem Redaktionsmitglied Peter Bausch

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da holte Joachim Jokes Pflieger die junge Sängerin Beatrice Mathé in seine Band Baobab. Die Jazzrocker, bei denen vor bald 30 Jahren Sindelfingens Grünen-Stadtrat Karl-Heinz Huschka und der Holzgerlinger Uwe Zaiser mitspielten, gibt es schon lange nicht mehr. Beatrice Mathé holt dafür für die Sindelfinger Weihnachtssession Joachim Pflieger in ihre neue Band Redhouse.

Die Musikerszene Sindelfingens ist mit Beatrice Mathé und Joachim Pflieger älter geworden, hat aber seit der ersten Weihnachtssession 1979, damals noch im Foyer der Bibliothek, nicht viel an Feuer verloren.

Inzwischen stehen die Kinder der ersten Generation auf der Bühne: Beatrice Mathé übernimmt erst für Janis Joplins Klassiker "Move over" das Mikrofon von ihrer Tochter Denise und Joachim Pflieger bedient die Tasten wie weiland in seiner Band "Timeless", die über Jahre hinweg für den Schlusspunkt der Session sorgte.

Schwerer Stand bei der Premiere

Büchereifoyer, Schubartsaal, Turn- und Festhalle Maichingen, Klosterseehalle, Concordia oder Kulturpavillon: Die Session, einst als Treffpunkt für familienmüde junge Sindelfinger aus der Taufe gehoben, hat bis jetzt noch an jedem Ort ihre Identität und ihren Charakter gefunden. Die Stadthalle, erst seit 2006 Schauplatz für das einst als alternativer Neujahrsempfang bezeichnete Spektakel, ist ein anderes Kaliber. Nach dem Umzug aus der Klosterseehalle, die in der Finanzkrise der Stadt ganzjährig an das Kinderland verpachtet wurde, hatte vor einem Jahr die Musik in der guten Stube der Stadt einen schweren Stand.

Joachim Pflieger, Thomas Schlüter, Brigitte vom Hagen-Pflieger und Gabi Jeschabek von der IG Kultur haben als Organisatoren Kopfstände für ein neues Musikkonzept gemacht. "Wir wollen verschiedene Stile, nicht nur eine Richtung", sagen die Macher der Session und steigen für den neuen Anspruch selbst auf die Bühne.

Thomas Schlüter, im Brotberuf Hausmeister in der Sindelfinger Schule für Musik, Theater und Tanz (SMTT), hat mit SMTT-Gitarrenlehrer Tobias Götzmann wieder einmal die Session-Stunde zu Beginn des Abends organisiert und macht mit der Sessionband "Garagenblues" selbst den Auftakt des Konzerts: In der Formation geht es schon um den Spagat zwischen Gestern und Morgen.

Junge Stimmen

Pit Bäuerle gehört wie Peter Gmoser und Helmut Kristmann (der Percussionist hat übrigens vor knapp dreißig Jahren zusammen mit Beatrice Mathé und Joachim Pflieger bei Baobab gespielt) zu den Säulen der lokalen Musikerszene. Aber Thomas Schlüter hat mit dem 16-jährigen Moritz Müller eine neue Stimme entdeckt, als in der SMTT 2007 die ersten Bandwettbewerbe und Workshops über die Bühne gingen.

Paradebeispiel für die neue Generation der Weihnachtssession war Moritz Stachelhaus, der Neffe des Bassisten, der 1979 die ersten Reggaetöne im Foyer der Bibliothek vorgegeben hatte. Weil seine Band wegen Krankheit des neues Bassisten den Auftritt absagte, hatte Markus Vogt alias Häns Dämpf ein bisschen mehr Raum, um mit deutschen Texten und eigenen Kreationen frische Klänge in die Stadthalle zu bringen.

Im letzten Moment eingebaut haben Joachim Pflieger und Thomas Schlüter Walter Wiest und seine Break Style Artists. Die Kopfstände vor der Bühne sind erst im Jahr 2000 ins Programm der Session eingezogen, waren damals das Signal für den Aufbruch zu einer jüngeren, anderen Musik. Dagegen stehen selbst die Musiker von Cucumber für Altbewährtes. Die Formation, 1991 aus der Taufe gehoben, hat in der Stadthalle ihren ersten Auftritt seit 2003 absolviert.

Ruhige Balladen, gepflegte Akkorde, schöne Stimmen, das sind die Markenzeichen der Sessionband "Point of View": Thomas Schlüter und Joachim Pflieger spielen zusammen mit Claudia Klatt, Peter und Klaus Kreczmarsky. Die Verbindungen in der Szene funktionieren eben immer noch: Klaus Kreczmarsky ist Chef der Jazzband in der Musikschule.

Tanzen zu später Stunde

Die neue Musikmischung kommt an. Paletti-Wirt Manfred Zöller, der einst die Session selbst zu Concordia-Zeiten gerettet hat, genießt die Stimmung im Saal, den die Böblinger Band "Stammwürze" um Werner Dinkelaker sogar zu später Stunde noch zum Tanzen bringt. Im Gegensatz zum letzten Jahr scheint die Musik wieder die Hauptrolle zu spielen. Dem Reiz der Session, Treffpunkt für eine älter gewordene Generation in Sindelfingen zu sein, tut das keinen Abbruch.