Musik spielt nicht die erste Geige

Donnerstag, 28. Dezember 2006

28.12.2006
Musik spielt nicht die erste Geige

Sindelfingen: Bei der Premiere der Weihnachtssession in der Stadthalle bleibt die große Mehrheit der Besucher im Foyer

Von unserem Redaktionsmitglied Peter Bausch

Die Baumeister der Sindelfinger Stadthalle haben bei der Generalsanierung vor 17 Jahren ganze Arbeit geleistet. Selbst wenn drinnen im Großen Saal Florian und Alexander Pöschl, Matthias Widmayer und Alexander Schreiber von der Dagersheimer Band Desert Storm Gitarren, Bass und Schlagzeug bedienen, ist draußen vom Heavy Metal kaum etwas zu hören. Bei der Premiere in der Sindelfinger Stadthalle ist die Weihnachtssession fast in zwei Teile zerbrochen.

Joachim Pflieger, der wegen seines beruflichen Engagements in Teheran dieses Jahr den großen Teil des Organisationsjobs seinem Kollegen Thomas Schlüter überlassen hatte, ist trotzdem von der Halle angetan: "Irgendwie haben wir immer schon daran gedacht, einmal in die Stadthalle zu kommen." Vor der Bühne wäre reichlich leerer Platz zum Tanzen, aber erst Tokame, die letzte Band des Abends mit dem aus Sindelfingen stammenden Bassisten Branko Arnsek und der Kubanerin Yaqueline Castellanos, bringt die Zuschauer in Bewegung.

Musik spielt in der Stadthalle nicht die erste Geige. Manfred Zöller, der ehemalige Chef der IG Kultur, der die Session durch die heftigsten Stürme steuerte, sieht es bei der Stadthallen-Premiere deutlich: "Die Leute wollen sich hier treffen, wollen miteinander schwätzen. Das ist wichtiger als die Musik." Dabei gibt es auf der Bühne, auf der zehn Tage zuvor noch Liederkranz und Stadtkapelle musizierten, durchaus Abwechslung. "Die Session ist für uns ein tolles Podium", sagt Florian Pöschl, der 16-jährige Bassist von Desert Storm. Moritz Stachelhaus ist trotz seiner Jugend ein alter Hase im Konzert. Nach dem Ende seiner letzten Formation Skirmish hat sich der Gitarrist neue Mitstreiter gesucht und baut mit einem Saxophon einen der am Dienstag ganz seltenen Bläserparts in die Musik ein.

Kaum etwas von der Musik mitbekommen hat Helmut Hermann, der zusammen mit Reinhard Wesselsky Austern und Wein aus ihrer Wahlheimat Frankreich nach Sindelfingen bringt. Helmut Hermann hatte 1994 für Furore in der Lokalpolitik gesorgt, als ihn die Wähler vom letzten Listenplatz der Grünen in den Gemeinderat katapultierten. 2000 startete der Sindelfinger den Movida-Luftballon, der 2000 und 2001 selbst die Weihnachtssession mit der IG Kultur organisierte. Am Stand im Foyer treffen sich die Mitstreiter, die 2001 mit Movida ihre Hoffnung auf ein soziokulturelles Zentrum in der Stadt endgültig begraben haben: Horst Bernauer oder Walter Engl, beide heute noch höchstens mit der Band "Die Autisten" in der Szene engagiert.

A propos Interessengemeinschaft (IG) Kultur: Der Träger der Session hat vor zehn Tagen einen neuen Vorstand gewählt: Boris Böhne ist jetzt Stellvertreter von Gabi Jeschabek, der seitherige Chef Albrecht Barth wird Kassier. Neu sind Jörg Hamm und Robert Krülle als Beisitzer.

Der Session-Charakter des Konzerts hat den Umzug von der Klostersee- in die Stadthalle überlebt. Tobias Götzmann, Gitarrenlehrer an der Musikschule, kümmert sich um die Songs, die von bunt zusammengewürfelten Musikern zum Auftakt des Abends gespielt werden: "Es ist schön, dass wir jetzt 90 Minuten für diesen Part haben." Auf der Bühne stehen dabei Joachim Pflieger und Thomas Schlüter, die mit ihren eigenen Bands auf einen Auftritt verzichtet haben: "Die Stadthalle steht für einen Generationswechsel: So viele junge Bands sind bei der Session noch nie aufgetreten."

Das hören die Leute, die schon die erste Session 1979 miterlebt haben, von Zeit zu Zeit, wenn sie die Tische im Foyer verlassen und einen Abstecher in den Großen Saal machen, in dem zwar gute Luft, aber keine wirkliche Stimmung herrscht. Egal, ob Somnium, Moritz Stachelhaus und seine Band, Desert Storm, Free of Charge, Raging Scum oder zuletzt Tokame, die Musiker stehen bei der Stadthallen-Premiere abseits der großen Besuchergunst. Karl-Heinz Huschka, 1979 mit seinem damaligen Bandkollegen, Mitbewohner und heute in Esslingen lebendem Session-Stammgast Helmut Kristmann namentlich auf dem Einladungsplakat genannt, hat sich schon lange nicht mehr mit dem Saxophon auf die Bühne gestellt.

Die Odyssee von der Stadtbibliothek über die Concordia-Fabrik, den Schubartsaal, den Kulturpavillon, die Turn- und Festhalle Maichingen oder die Klosterseehalle hin zur Stadthalle hat das Grundprinzip der Session nicht erschüttert: Der Erlös des alternativen Neujahrsempfangs, wie es die SZ/BZ in den ersten Jahren bezeichnete, geht an soziale Organisationen. Brigitte vom Hagen-Pflieger, seit Jahr und Tag an der Kasse der Session, hat am Dienstagabend wieder zwischen 800 und 900 Zuhörer gezählt. Von denen haben sich die allermeiste Zeit höchstens 250 der Musik und der große Rest ihren Gesprächen gewidmet.