"Davon profitiert die halbe Stadt"

Montag, 29. Dezember 2003

Sindelfingen: Mit John Lennons Song "Imagine" feiert die Weihnachtssession in der Klosterseehalle ihr erstes richtiges Jubiläum

"Davon profitiert die halbe Stadt"
Von unserem Redaktionsmitglied Peter Bausch
Sie leben in Los Angeles, Berlin, Frankreich oder Wiesbaden. Über die Feiertage sind sie zu Hause bei Eltern und Familie. Aber Dino Herrmann, Bettina Völter, Martin Hansen und gut tausend weitere Leute haben einen gemeinsamen Treffpunkt in Sindelfingen. Dafür sorgt seit 25 Jahren die Weihnachtssession.

1979, damals noch im Foyer der Stadtbibliothek, hat sich Martin Hansen schon die weiße Stratocaster-Gitarre umgehängt. Die Heimatstadt hat Martin Hansen schon lange verlassen, lebt als Rechtsanwalt und Hauptbevollmächtigter von internationalen Versicherungen heute in Wiesbaden.

Dem Instrument ist er aber treu geblieben: Zur Jubiläumsausgabe in der Klosterseehalle schnappt sich Martin Hansen, der wegen seiner Rugby-Leidenschaft ein paar Jahre lang keine Saiten mehr zupfte, wieder die Gitarre. "Smoke on the Water", der Klassiker der Deep Purple, ist fast genauso alt wie die Weihnachtssession in Sindelfingen.

Martin Hansen, heute 44 Jahre alt, hatte damals in Sindelfingen eine eigene Gruppe: Die Coal Aston Band gehörte neben Baobab und Wanted zu den Session-Gründern, die aus einer Schnapsidee einen Dauerbrenner gemacht haben. "Wir haben kurz vor der Premiere 1979 zusammen mit Baobab und Wanted ein Konzert im Park des Wilhelminenheims gemacht, aber fürchterlich Ärger mit der Polizei bekommen."

Versprechen zur 50. Ausgabe

An den Auftritt im Park erinnert sich Karl-Heinz Huschka nicht mehr. "Aber unsere Band war eine treibende Kraft für die Weihnachtssession", sagt der ehemalige Querflötist und Saxofonist von Baobab, der damals mit Joachim Pflieger, Beatrice Mathé, Helmut Kristmann oder dem heutigen Rennquintett-Trompeter Uwe Zaiser zusammen musizierte. Im Gegensatz zu Joachim "Jokes" Pflieger steht der Sindelfinger Grünen-Stadtrat schon lange nicht mehr auf der Musikbühne. "Aber zur 50. Ausgabe der Session hole ich das Saxofon wieder heraus", verspricht Karl-Heinz Huschka.

Die Erfolgsgeschichte geht weiter. Das liegt an den Leuten, die zu Hause geblieben sind und seit 1979, Jahr für Jahr, es immer wieder schaffen, die Session als Konzert, alternativen Neujahrsempfang und, so sagt es Martin Hansen, "riesiges Klassentreffen, von dem die halbe Stadt profitiert", zu organisieren.

Dabei stand das Abenteuer in den ersten Jahren oft kurz vor dem Scheitern. Bei der allerersten Ausgabe verpflichtet sich der damalige Kulturamtsleiter Dieter Hülle, die Aufsicht zu übernehmen. 1980 schließt die Stadt die Bibliothek, aber Ludwig Zink, Pfarrer an der Pauluskirche, erbarmt sich und öffnet sein Gemeindezentrum für die jungen Wilden mit ihren Gitarren und Schlagzeugen. Manfred Zöller holt die Session für die IG Kultur, heute noch Mitveranstalterin, in das improvisierte Jugendzentrum der alten Concordia-Fabrik: Eisige Kälte, Plastikplanen, aber Baobab, Wanted und Kollegen trotzen allen Widrigkeiten.

Die Szene kennt sich. Irgendwann hat fast jede(r) mit den anderen zusammen gespielt. Dino Herrmann, Jahrgang 1965, stand mit den Streetboys oder Cherry X-Mas auf der Sessionbühne, lebt aber seit gut 15 Jahren in Amerika. Ähnlich wie sein Kollege Roland Emmerich macht der Maichinger Karriere in Hollywood, produziert in seinem Tonstudio Jennifer Lopez oder Rod Stewart, komponiert Musik zum Beispiel für die DVD-Ausgabe von Matrix und hat beim Streifen "Now Chinatown" Lianne Hu getroffen, die er als Verlobte in die Klosterseehalle mitbringt: "Es ist toll und macht Spaß, so viele alte Bekannte hier zu treffen." Schauspielerin Lianne Hu macht den Schwaben ein Riesen-Kompliment: "Die Leute hier sind so offen und interessiert, das kenne ich aus den USA gar nicht."

Der Zeitplan auf der Bühne ist völlig über den Haufen geworfen. Kai Venzlaff, ehemals bei den "Meateaters", macht mit den Musikschullehrern von 4 Groove auf deutschen Schlager, bei den Autisten hat sich ein Teil des Movida-Vorstands versammelt, Klaus Haidle, der gerade mit der Carla Oehmd Jazz Band die erste CD eingespielt hat, bedient bei Joachim Pfliegers Timeless das Saxofon.

Zwei Stunden nach Mitternacht bleibt Werner Schumacher, der nur einmal 1992 wegen Krankheit die Session versäumte, immer noch ganz ruhig an einem Mischpult, von dem er damals, in seiner aktiven Zeit als Tournee-Tontechniker, nur geträumt hätte. Draußen im Foyer steht Gisela, die Frau des Technikchefs in der Sindelfinger Stadthalle, am Tresen: "Einmal im Jahr ist das gut und irgendwann wird die Tochter diesen Job übernehmen."

Familiengeschichte

Die Weihnachtssession ist eine Familiengeschichte: Der Wechsel der Generationen scheint gesichert. An der Kasse steht bereits Stephanie vom Hagen, die Tochter von Joachim Pflieger. Auf der Bühne steht mit Moritz Stachelhaus mit Skirmish schon der Neffe des legendären Message-Mitglieds Horst Stachelhaus. Der Bassist hatte damals, 1979, seine Mitspieler zum ersten Schlusslied, einem Reggae, zusammengetrommelt. 2003 heißt der Song am frühen Morgen "Imagine". Joachim Pflieger und Thomas Schlüter haben es mit Bedacht gewählt. Keiner der Musiker der ersten Stunde hätte es sich vorstellen können, einmal ein richtiges Jubiläum zu feiern.